Chroma Comic

Das Gesicht und seine Gefühle

Du lernst, einen Comickopf über Kugel, Kinn und Hilfslinien in jede Richtung zu drehen und ihm mit Brauen, Lidern und Mund sechs klare Gefühle zu geben.

20 Min.

Ein Comicgesicht muss nicht anatomisch korrekt sein, es muss funktionieren: klein gedruckt, neben Sprechblase und Hintergrund, soll man auf einen Blick sehen, wer da ist und wie es dieser Person gerade geht. Dafür brauchst du zwei Sachen – ein Gerüst, das die Drehung des Kopfes trägt, und ein paar Regeln, wie Ausdruck entsteht. Beides holen wir uns in den nächsten zwanzig Minuten.

Kugel und Kinnansatz

Jeder Kopf beginnt als Kugel. Zeichne einen lockeren Kreis mit dem Bleistift – das ist der Hirnschädel, der runde, feste Teil. Darunter hängst du den Kinnansatz: zwei Linien, die vom unteren Drittel der Kugel nach unten laufen und sich zum Kinn hin verjüngen. Ob dieses Kinn spitz, rund oder kantig ausfällt, entscheidet schon einen grossen Teil des Charakters. Die Kugel gibt Volumen, der Kinnansatz gibt Persönlichkeit. Und ganz praktisch: Die Ohren sitzen ungefähr dort, wo Kugel und Kieferlinie sich treffen.

Mittellinie und Augenlinie

Über diese Form legst du zwei gebogene Hilfslinien. Die Mittellinie läuft senkrecht über Stirn, Nasenrücken, Mund und Kinn. Liegt sie genau in der Mitte, schaut die Figur dich frontal an. Wandert sie nach rechts oder links, dreht sich der Kopf in diese Richtung – und weil die Linie über eine Kugel läuft, biegt sie sich dabei mit. Die Augenlinie läuft waagrecht quer über den Kopf. Biegt sie sich in der Mitte nach unten durch, senkt die Figur den Blick; wölbt sie sich nach oben, hebt sie den Kopf. Diese zwei Linien machen alle Arbeit: Sie zeigen die Drehung, bevor du auch nur ein Auge gezeichnet hast. Zeichne sie bei jedem Kopf, den du übst, und zwar zuerst.

Augen auf halber Kopfhöhe

Die häufigste Einsteigerfalle ist die zu kleine Stirn. Miss vom Scheitel bis zum Kinn: Die Augen sitzen auf der Hälfte dieser Strecke, nicht höher. Fast alle setzen sie beim ersten Versuch zu weit oben, weil das Gesicht mehr Aufmerksamkeit bekommt als der Schädel. Im Cartoon darfst du bewusst abweichen – tiefer sitzende Augen mit grosser Stirnpartie wirken kindlich und weich, höher sitzende wirken erwachsener und nüchterner. Wichtig ist nur, dass du dich entscheidest und dabei bleibst. Eine Figur, deren Augen von Panel zu Panel wandern, wirkt jedes Mal wie eine andere Person.

Abstände: Augen, Nase, Mund, Ohren

Zwischen den beiden Augen passt ungefähr ein drittes Auge. Das ist die schnellste Kontrolle, die du hast, und sie funktioniert auch bei stark stilisierten Gesichtern. Die Nasenlinie liegt etwa auf halber Strecke zwischen Augenlinie und Kinn, der Mund ungefähr auf halber Strecke zwischen Nase und Kinn – bei vielen Comicstilen rutscht er etwas höher, näher an die Nase. Die Ohren füllen den Raum zwischen Augenlinie und Nasenlinie; ihre Oberkante liegt also etwa auf Augenhöhe, ihre Unterkante auf Nasenhöhe. Wenn du den Kopf drehst, drehen sich diese Abstände mit: Auf der abgewandten Seite wird alles schmaler, die Nase schiebt sich Richtung Silhouette.

Ausdruck: drei Werkzeuge, die zusammenspielen

Gefühl entsteht im Comic aus drei Bauteilen. Die Augenbrauen geben die Richtung und die Energie, die Lider geben die Intensität, der Mund gibt den Grundton. Entscheidend ist, dass die drei dasselbe sagen. Ein lachender Mund unter flachen, müden Lidern liest sich nicht als Freude, sondern als Sarkasmus – ein Effekt, den du später bewusst nutzen kannst, der dir am Anfang aber ungewollt jede Szene verdreht.

Sechs Gefühle mit minimalen Mitteln

Freude: Brauen entspannt und leicht angehoben, das Unterlid wird von der Wange hochgeschoben, Mundwinkel nach oben. Wut: Brauen innen nach unten zusammengezogen, Lidspalt schmal, Mund gerade gepresst oder Winkel nach unten. Trauer: Brauen innen nach oben – genau umgekehrt zur Wut –, Oberlider schwer, Mundwinkel hängen. Angst: Brauen hoch und gleichzeitig zusammengezogen, Augen weit offen, Mund offen und breitgezogen. Überraschung: Brauen hoch und rund, Augen rund aufgerissen, Mund als kleines O. Der Unterschied zwischen Angst und Überraschung liegt fast nur in der Spannung der Brauen. Ekel: Nasenrücken gerunzelt, Oberlippe hochgezogen, Augen halb geschlossen, Brauen nach unten.

Übertreibung als Werkzeug

Was im Gesicht eines echten Menschen deutlich ist, verschwindet auf Papier. Schieb jeden Ausdruck etwa doppelt so weit, wie es sich richtig anfühlt: Brauen höher, Mund breiter, Augen grösser oder kleiner. Der Test dauert zwei Sekunden – halt die Zeichnung auf Armlänge weg oder decke sie mit dem Daumen halb zu. Erkennst du das Gefühl noch, stimmt es. Musst du überlegen, ist es zu brav.

Wiedererkennbarkeit

Leg für jede Figur drei bis vier feste Merkmale fest, die in jeder Ansicht und jeder Stimmung auftauchen: eine bestimmte Nasenform, der Haaransatz, der Augenabstand, die Kinnkante. Diese Merkmale, nicht die Frisur allein, machen deine Figur erkennbar. Prüfe sie bewusst im Profil – dort verliert man Figuren am schnellsten, weil man plötzlich nur noch eine Silhouette zeichnet.

Übung

Nimm ein Blatt quer und teile es mit einem leichten Bleistiftstrich in zwei Reihen. In die obere Reihe zeichnest du denselben Kopf dreimal: frontal, in Dreiviertelansicht und im Profil. Beginne jedes Mal mit Kugel, Kinnansatz, Mittellinie und Augenlinie und lass diese Hilfslinien sichtbar stehen. Nimm dir pro Kopf zwei Minuten. In die untere Reihe zeichnest du sechs kleine frontale Köpfe von etwa vier Zentimetern Höhe, jeder mit einem der sechs Grundgefühle, je rund anderthalb Minuten. Schreib das Gefühl klein darunter. Fotografiere das Blatt komplett, mit Hilfslinien und Beschriftung – so lässt sich prüfen, ob Augenhöhe, Abstände und Ausdruck zusammenpassen.