Werkzeug und die ersten Formen
Du lernst, mit welchen wenigen Stiften du wirklich anfängst – und wie du aus Kugel, Kasten, Zylinder und Kegel alles baust, was später in deinen Panels auftaucht.
15 Min.
Ein Comic braucht erstaunlich wenig Material: ein paar Stifte, glattes Papier und eine Handvoll Formen, die du im Kopf drehen kannst. In dieser Lektion richtest du deinen Platz ein – am Küchentisch, im Zug, im Café – und legst die Basis, auf der alles Weitere steht: Gesichter, Figuren, Gegenstände, ganze Seiten.
Vorzeichnen: Bleistift oder blauer Buntstift
Ein HB-Bleistift reicht vollkommen. Weichere Minen wie 2B schmieren, sobald du mit Tinte darüberfährst, härtere drücken Rillen ins Papier, die später beim Tuschen stören. Wichtig ist weniger die Härte als dein Druck: Zeichne so leicht vor, dass du die Linie aus einem Meter Abstand kaum siehst. Die Vorzeichnung ist ein Gerüst, kein Bild.
Die Alternative ist ein hellblauer Buntstift. Blau tritt gegenüber der schwarzen Tinte optisch zurück, und beim Scannen oder Kopieren verschwindet es fast von selbst – du musst also gar nicht radieren. Der Preis dafür: Blau lässt sich kaum wegradieren. Nutze es, wenn du sicher weisst, dass du die Zeichnung anschliessend tuschst.
Zum Radieren nimmst du einen Knetgummi. Du tupfst und rollst damit, statt zu reiben, hebst das Graphit von der Oberfläche ab und rauhst das Papier nicht auf. Ein aufgerautes Blatt saugt Tinte wie ein Löschpapier, und dann franst jede Linie aus.
Tinte: drei Fineliner und ein Pinselstift
Drei Strichstärken decken fast alles ab. Der 0.1 ist für Details und für alles, was weit hinten liegt. Der 0.3 ist deine Arbeitslinie, mit ihm zeichnest du den grössten Teil der Konturen. Der 0.5 kommt an die Aussenkontur von Figuren und in dunkle Bereiche – er lässt eine Figur vom Hintergrund abheben.
Achte darauf, dass die Stifte pigmentiert und wasserfest sind. Pigmenttinte bleibt tiefschwarz, verläuft nicht und schmiert nicht, wenn du nach dem Trocknen die Bleistiftlinien wegradierst. Mach den Test einmal auf einem Restblatt: Strich ziehen, eine Minute warten, mit dem Knetgummi darüber. Bleibt die Linie sauber, kannst du dem Stift vertrauen.
Dazu kommt ein Pinselstift. Seine Spitze ist flexibel: Drückst du leicht, bekommst du eine dünne Linie, drückst du stärker, wird sie breit. So entsteht die anschwellende Linie, die Comics lebendig macht. In Modul 5 gehen wir ausführlich darauf ein, jetzt reicht es, wenn du ihn einmal in der Hand hattest.
Papier und Lineal
Glatt schlägt rau. Bristolkarton mit etwa 250 Gramm ist der Klassiker: Die Tinte bleibt auf der Oberfläche liegen, Linien werden scharf, und du kannst kräftig radieren. Zum Üben tut es Kopierpapier mit 100 Gramm völlig. Finger weg von rauem oder strukturiertem Papier – es frisst die Spitzen deiner Fineliner und macht jede Linie unruhig.
Ein Lineal brauchst du später für Panelrahmen. Praktisch ist eines mit abgeschrägter Kante oder eines, das du leicht anhebst, damit die Tinte nicht unter der Kante durchkriecht. Mit Bleistift, Knetgummi, drei Finelinern, einem Pinselstift, Papier und Lineal liegst du bei etwa 30 bis 50 CHF und hast für Monate alles beisammen.
Digital funktioniert genauso
Arbeitest du am Tablet, bleibt die Logik identisch, nur heissen die Stifte Ebenen. Unten liegt die Skizze, blau oder grau, mit reduzierter Deckkraft. Darüber legst du eine neue Ebene für die Tinte und zeichnest die endgültige Linie. Am Schluss blendest du die Skizzenebene aus, statt zu radieren. Ein druckempfindlicher Stift übernimmt die Rolle des Pinselstifts.
Der Baukasten: Kugel, Kasten, Zylinder, Kegel
Alles, was du je zeichnen wirst, lässt sich aus vier Körpern zusammensetzen. Der entscheidende Unterschied zum Kritzeln: Diese vier haben Volumen. Ein gezeichneter Kreis ist flach, eine Kugel hat eine Vorder- und eine Rückseite, und genau deshalb kannst du sie drehen.
Ein Kopf ist eine Kugel plus ein Kasten für Kiefer und Kinn. Der Brustkorb ist ein abgerundeter Kasten, das Becken ein kleinerer. Arme, Beine, Äste, Dosen und Trinkgläser sind Zylinder. Ein Rock, ein Hut, eine Nase, eine Tanne: Kegel. Wer diese Formen aus verschiedenen Winkeln zeichnen kann, kann eine Figur auch von schräg hinten zeichnen – das ist der Unterschied zwischen Abmalen und Konstruieren.
Dazu gehört die Ellipse: Sie ist nichts anderes als ein Kreis in Perspektive. Je näher die Öffnung einer Tasse an deiner Augenhöhe liegt, desto flacher wird die Ellipse; schaust du von oben hinein, wird sie fast zum Kreis.
Lockerwerden
Zeichne Kreise nicht aus dem Handgelenk, sondern aus Ellbogen und Schulter – die Bewegung wird runder. Kreise ruhig zwei-, dreimal locker über dieselbe Form, statt eine einzige zaghafte Linie zu suchen. Und dreh das Blatt, statt die Hand zu verbiegen.
Übung
Nimm ein Blatt und teile es mit dem Lineal grob in zwei Hälften. Stell einen Timer auf 15 Minuten.
In der oberen Hälfte füllst du fünf Minuten lang deine Formen: drei Kugeln, drei Ellipsen, drei Kästen in Perspektive, drei Zylinder, drei Kegel – jede Form dreimal in einer anderen Drehung, einmal von oben, einmal auf Augenhöhe, einmal von unten. Locker, mit Bleistift oder blauem Buntstift, ohne zu radieren.
In der unteren Hälfte baust du in zehn Minuten drei Dinge nur aus diesen Formen: eine Tasse (Zylinder mit Ellipse oben, Henkel als gebogener Schlauch), einen Rucksack (abgerundeter Kasten, flacher Kasten als Deckel, zwei Bänder als Träger) und eine Katze (Kugel als Kopf, bohnenförmiger Körper, Zylinder als Beine, Kegel als Ohren). Zuerst die Formen, dann mit dem 0.3er die Kontur darüber. Fotografiere das ganze Blatt und zeig es deinem Coach.