Linie und Tusche
Du lernst, wie du deine Bleistiftskizze in Tusche übersetzt – mit drei Linienstärken, schwarzen Flächen und Schraffur, die der Form folgt.
20 Min.
Bis jetzt hast du mit dem Bleistift gedacht. Jetzt entscheidest du. Tusche nimmt nichts zurück, und genau das macht sie stark: Eine Tuschelinie sitzt, sie eiert nicht zwischen zwei Möglichkeiten herum. In dieser Lektion lernst du, wie aus einer weichen Skizze eine Zeichnung wird, die auch klein gedruckt noch Kraft hat.
Vom Bleistift zur Tusche
Zeichne deine Vorzeichnung so leicht, dass du sie aus einem Meter Abstand kaum erkennst. Nimm einen harten Stift, HB oder 2H, und fass ihn weiter hinten am Schaft an – dann drückst du automatisch weniger. Eine tief ins Papier gefurchte Linie bleibt auch nach dem Radieren als Rille sichtbar und stört später jede Fläche.
Beim Tuschen gilt: eine Linie, ein Zug. Schau dir an, wo die Linie enden soll, setz an und zieh durch, zügig und ohne anzuhalten. Für lange Kurven bewegst du den ganzen Unterarm, für kurze Details nur die Finger. Dreh lieber das Blatt, als deine Hand zu verrenken – Linien gelingen am besten, wenn du sie zu dir hin ziehst. Wenn eine Linie danebengeht, korrigiere sie nicht mit drei nachgezogenen Strichen. Lass sie stehen oder decke sie später mit einer dickeren Kontur zu.
Danach lässt du die Tusche wirklich trocknen, mindestens eine Minute, bei dicken Pinselstrichen länger. Erst dann radierst du die Vorzeichnung weg, mit sanftem Druck und immer in dieselbe Richtung. Ein Knetgummi ist hier freundlicher zum Papier als ein harter Radiergummi.
Drei Stufen Liniengewicht
Eine gute Tuschezeichnung hat eine Hierarchie, und drei Stufen reichen dafür völlig. Die dicke Linie – ein Fineliner um 0.8 oder ein Pinselstift – gehört an die Aussenkontur der Figur und an die Schattenseite. Sie trennt die Figur vom Hintergrund und gibt ihr Gewicht. Die mittlere Linie, etwa 0.3 bis 0.5, beschreibt Innenformen: Ärmelkante, Gürtel, Kragen, Nasenrücken, die Trennung zwischen Arm und Körper. Die dünne Linie, 0.1 bis 0.2, ist für Details und Texturen zuständig: kleine Falten, Haarsträhnen, Holzmaserung, die Naht an der Tasche.
Die einfachste Faustregel: Je näher, je dunkler, je wichtiger, desto dicker. Je weiter weg und je heller etwas ist, desto dünner.
Dazu kommt ein Trick, der sofort Licht ins Bild bringt. Leg fest, woher das Licht kommt, sagen wir von oben links. Auf dieser Seite dünnst du die Aussenkontur aus oder unterbrichst sie ganz – lass an der Schulter und am Oberschenkel einfach eine Lücke von ein paar Millimetern. Das Auge schliesst die Form von selbst, und die Kante wirkt, als würde sie im Licht verschwinden. Auf der Gegenseite darf die Linie anschwellen, besonders unter dem Kinn, unter dem Arm, unter der Fussohle.
Spot Blacks
Schwarze Flächen sind das stärkste Werkzeug im Tuschekasten. Gemeint sind grosse, geschlossene Schwarzpartien: Haare, die Innenseite einer Jacke, der Schatten unter einem Auto, ein Nachthimmel, eine dunkle Hose. Sie geben der Seite Struktur und sagen dem Auge, wo es zuerst hinschauen soll, denn der stärkste Kontrast zieht den Blick an.
Ein bewährtes Mass sind ungefähr zehn bis zwanzig Prozent schwarze Fläche pro Bild, verteilt wie die Ecken eines Dreiecks statt alles in einer Ecke. Gestalte den Rand der Fläche bewusst: Lass die Haare nicht als Rechteck enden, sondern in Zacken und Strähnen auslaufen, und spar eine weisse Glanzstelle aus, sonst wirkt der Kopf wie ein Helm. Umrande die Fläche zuerst mit dem Fineliner und füll sie dann aus, oder arbeite gleich mit einem breiten Stift.
Schraffur, die der Form folgt
Schraffur ist kein Grau aus der Tube, sondern Form. Lege die Striche so, wie sich die Oberfläche krümmt: Auf einem Arm laufen sie leicht gebogen um den Zylinder herum, auf einer flachen Wand bleiben sie gerade. Die Helligkeit steuerst du über den Abstand – enge Striche werden dunkel, weite hell. Lass die Schraffur zum Licht hin ausdünnen, statt sie abrupt abzubrechen.
Für dunklere Werte legst du eine zweite Lage darüber, um etwa dreissig bis fünfundvierzig Grad versetzt. Genau neunzig Grad wirken schnell wie ein Fliegengitter. Mehr als drei Lagen brauchst du selten; ab da nimm lieber gleich Schwarz.
Drei häufige Fehler
Gleich dicke Linien überall machen jede Zeichnung flach – das Bild sieht aus wie ein Ausmalheft, weil nichts vorne und nichts hinten ist. Zittrige Striche entstehen nicht durch eine unruhige Hand, sondern durch zu langsames Ziehen; schneller und beherzter ist fast immer sauberer, auch wenn die Linie minim danebengeht. Und zu viel Schraffur frisst das Weiss auf: Wenn jede Fläche gefüllt ist, gibt es keinen hellsten Wert mehr, und das Bild wird grau statt kontrastreich. Weiss ist eine Farbe, die du aktiv stehen lässt.
Übung
Nimm eine Figur aus Modul 3, eine Pose, die du magst. Zeichne sie dreimal leicht mit Bleistift vor, nebeneinander auf ein Blatt, handgross. Stell dir einen Timer auf 20 Minuten.
Die erste Version tuschst du komplett mit einer einzigen mittleren Stärke, überall gleich. Die zweite Version tuschst du mit drei Stufen: dicke Aussenkontur und Schattenseite, mittlere Innenformen, dünne Details – und an der Lichtseite unterbrichst du die Kontur an zwei, drei Stellen. In der dritten Version behältst du die drei Stufen bei und ergänzt mindestens eine grosse schwarze Fläche sowie eine kleine Schraffurpartie, die der Form folgt.
Radiere alle drei erst nach dem Trocknen und fotografiere das Blatt komplett, damit der Vergleich sichtbar ist.