Eine Kurzgeschichte in vier Seiten
Du lernst, eine vollständige Geschichte auf vier Seiten zu planen, in Thumbnails aufzuteilen und Seite für Seite sauber zu tuschen.
60 Min.
Ein Strip liefert eine Pointe. Vier Seiten liefern eine Entwicklung: Jemand will etwas, stösst an ein Hindernis, gerät unter Druck, und am Schluss hat sich etwas verschoben. Das ist noch kein Buch, aber es ist eine richtige Geschichte – und sie ist in zwei bis drei Sitzungen machbar. In dieser Lektion planst du sie komplett und zeichnest die erste Seite fertig.
Vier Seiten, vier Aufgaben
Gib jeder Seite genau eine Aufgabe. Seite eins ist Einstieg und Wunsch: Man sieht, wer die Figur ist, wo sie steckt und was sie will. Spätestens im untersten Panel muss der Wunsch auf dem Tisch liegen, ausgesprochen oder sichtbar – eine Hand, die nach etwas greift, ein Blick auf eine verschlossene Tür.
Seite zwei bringt das Hindernis. Etwas stellt sich quer: ein Mensch, eine Regel, das eigene Zögern. Wichtig ist, dass das Hindernis mit dem Wunsch zu tun hat und nicht zufällig vom Himmel fällt. Seite drei ist die Zuspitzung. Hier ist der Druck am höchsten, und die Figur muss etwas tun, das sie auf Seite eins noch nicht getan hätte. Seite vier ist die Auflösung: Die Figur bekommt, was sie wollte, oder etwas anderes – Hauptsache, sie steht am Ende anders da als am Anfang. Das letzte Panel darf gross und ruhig sein, wenn möglich ganz ohne Text.
Wenn du mehr Ideen hast, als in vier Seiten passen, ist das ein gutes Zeichen. Streiche, statt zu quetschen.
Das Skript in Stichworten
Du brauchst kein Drehbuchformat. Nimm ein Blatt, mach vier Blöcke, und schreib pro Seite drei bis fünf Zeilen. Eine Zeile pro Panel, und in dieser Zeile steht, was man sieht und was gesagt wird: «P3: Nahaufnahme, Hand am Türgriff. – Jetzt oder nie.» Halte den Dialog kurz, ungefähr fünfzehn Wörter pro Panel als Obergrenze; alles darüber verdeckt später die Zeichnung.
Schreiben ist an dieser Stelle schneller als zeichnen. Ein Erzählproblem im Skript kostet dich zwei Minuten, dasselbe Problem auf einer getuschten Seite kostet dich eine Stunde und gute Laune.
Thumbnails für alle vier Seiten
Zeichne alle vier Seiten klein auf ein einziges Blatt, nebeneinander, je etwa sechs auf neun Zentimeter und in derselben Proportion wie dein Endformat. Figuren sind Striche, Gesichter sind Punkte, Sprechblasen sind Ovale – und die Blasen gehören von Anfang an hinein, weil sie Platz fressen, den du sonst zweimal planst.
Vier bis sechs Panels pro Seite sind eine gute Dichte. Prüfe drei Dinge: ob das Auge ohne Umweg von Panel zu Panel wandert, ob die Panelgrössen einen Rhythmus haben statt alle gleich gross zu sein, und ob das unterste Panel jeder Seite Lust auf die nächste macht – eine Frage, eine Drohung, eine angefangene Bewegung. Der Seitenwechsel ist eine Pause, die du erzählerisch nutzen kannst.
Wenn die vier Miniaturen nebeneinander liegen, siehst du ausserdem sofort, wo zu viel Schwarz sitzt und wo eine Seite luftlos wird.
Seite für Seite zeichnen
Jetzt erst kommt das gute Papier. Lass rundherum etwa anderthalb Zentimeter Rand und übertrage die Panelaufteilung leicht mit Bleistift – nur Platzierung, keine Details. Dann tuschst du in einer festen Reihenfolge: zuerst die Figuren, dann so viel Hintergrund, wie der Ort wirklich braucht, dann die schwarzen Flächen, zuletzt die Panelrahmen mit einer dickeren Spitze, etwa 0.5, während Figuren mit 0.3 und Details mit 0.1 gut aussehen.
Beim Text gilt: erst schreiben, dann die Blase darumziehen. So passt die Blase zum Text und nicht der Text in eine zu kleine Blase. Lass die Tusche zehn Minuten trocknen, bevor du den Bleistift ausradierst. Und behandle eine Seite als ein Arbeitspaket: Eine halb getuschte Seite, die eine Woche liegen bleibt, verliert ihren Schwung.
Durchhalten
Das Projekt scheitert selten am Talent, es scheitert an Seite drei. Setz dir deshalb kleine Tagesziele: heute Skript und Thumbnails, morgen Seite eins, übermorgen Seite zwei. Dreissig bis fünfundvierzig Minuten am Stück reichen völlig. Geh nicht zurück, um Seite eins zu verbessern, nur weil du auf Seite zwei besser geworden bist – fertig schlägt schön.
Fotografiere Zwischenstände und zeig sie deinem Coach, einmal nach den Thumbnails und dann nach jeder fertigen Seite. Erzählfehler sind im Thumbnail-Stadium am billigsten zu reparieren.
Tagebuchcomic als Alternative
Wenn dir partout keine Geschichte einfällt, erzähl einen Tag in einer Seite. Sechs bis acht kleine Panels vom Aufwachen bis zum Abend, und ein einziger roter Faden: die eine Sache, die dich an diesem Tag beschäftigt hat. Der Wunsch ist dann ganz gewöhnlich – pünktlich ankommen, endlich etwas sagen –, das Hindernis liefert der Tag, und die Auflösung auch. Die Orte kennst du, die Figuren sowieso. Vier solche Tage ergeben ebenfalls vier Seiten.
Übung
Stell dir einen Timer und arbeite in drei Etappen. Zehn Minuten Skript in Stichworten für alle vier Seiten, je eine Zeile pro Panel. Fünfzehn Minuten Thumbnails: vier Miniaturen nebeneinander auf einem Blatt, mit Sprechblasen als Ovalen. Danach fünfunddreissig Minuten für Seite eins: Bleistiftaufteilung, tuschen, Text schreiben, Blasen ziehen, Bleistift weg. Fotografiere am Ende drei Dinge – dein Skriptblatt, dein Thumbnail-Blatt und die fertige Seite eins – und zeig alle drei zusammen deinem Coach, damit er den Weg von der Notiz zur Seite beurteilen kann.